Dresden - Stuttgart - Dresden 2015

Große Ereignisse (Radtouren) werfen ihre Schatten voraus. Der Oldi hat sich entschlossen ein neues Fahrrad an den Start zu bringen. Nicht etwa weil er mit dem alten unzufrieden war - ganz im Gegenteil - sondern aus Rücksicht auf den Gesundheitszustand des altgedienten Rades, das nunmehr seit 15 Jahren im Einsatz ist. Denn für 2016 stehen an Stelle von Asphaltstraßen unbefestigte Pisten auf dem Plan. Aber darum soll es hier erst einmal nicht gehen.
Ein neues Rad muss natürlich getestet werden. Und da bei tour-d-europe im Moment etwas die Luft aus dem Reifen ist - die Teammitglieder sind inzwischen über ganz Deutschland verstreut bzw. auch komplett untergetaucht - haben im Moment andere Prioritäten gesetzt - was vollkommen Ok ist - hat der Oldi für 2015 eine individuelle Tour "Dresden - Stuttgart - Dresden" aufgelegt.

Es gibt einige gute Gründe mal nach Stuttgart zu fahren:
(1) In Stuttgart sitzen ein paar Arbeitskollegen, die zum Teil auch regelmäßig mit dem Fahrrad unterwegs sind. Die könnte man ja mal besuchen.
(2) Die Entfernung passt ziemlich gut zu einer einwöchigen Tour.
(3) Unterwegs könnte man auch bei anderen Bekannten mal vorbeischauen.
(4) Stuttgart ist Neuland. Um mitreden zu können, muss man selbst mal dort gewesen sein.
(5) Und dann gibt es noch unterwegs ein paar Sehenswürdigkeiten, die man sich schon immer mal ansehen wollte, aber man nie Gelegenheit dazu fand. Die da wären: Weinstadt Kitzingen, das Nördlinger Ries, die Tiefenbohrung bei Windischeschenbach, der neu eröffneter Karls-Radweg von Karlovy Vary nach Aue.

Route

Vorbereitung war nicht viel notwendig. Man musste sich ein paar Campingplätze heraussuchen und einfach mal eine Woche festlegen: Die Wahl fiel auf KW30. Und als sich dann plötzlich noch der Routinier meldete, dass er Etappe 4 von Mosbach nach Stuttgart, am Neckar entlang, mitfahren würde und zusätzlich für das gesamte Fahrerfeld die Übernachtung in der Landeshauptstadt von BW bereitstellt, war die Vorfreude groß.

Am Ende stehen 9 Etappen im Plan, wobei die Etappenlänge zwischen 80 und 176 km variiert. Nur leider sind auch die längsten Etappen vom Profil her recht schwierig. Aber bisher hatten wir ja fast immer Glück mit dem Wind - es wird schon gut gehen. :-)
Letztendlich ist es auch gut gegangen. Aber diesmal mussten Abstriche gemacht werden, und einiges an Lehrgeld war auch zu entrichten. Der Reihe nach.

Die Hinfahrt

Etappe 1: Ockerwitz - Triebel, angesetzt mit 176 km (gefahren: 149km)

Ein Kracher, aber machbar. Der Navigator hat sie schon gefahren und Winfried (mit dem Rennrad) auch schon in beide Richtungen. Gut, mit Gepäck wird es etwas schwerer, aber wenn man zeitig startet, sollte es zu schaffen sein. Auch sollte der Wind, der aus Westen kommen wird, morgens vielleicht noch etwas schläfrig sein.

Start

Der Sommer 2015 ist ein Sommer der Hitzewellen. Am 18.7. um 4 Uhr zeigt das Thermometer noch 23 Grad. Abfahrtszeit 05:08 Uhr, mit Sonnenaufgang. Zum Glück haben sich ein paar Wolken breitgemacht. Über Nossen ist gerade ein Gewitter abgezogen. Es ist feuchtwarm. Der Wind scheint nicht zu wissen, wie spät es ist und kommt bereits straff von vorn. Das sieht nicht gut aus heute. Aber dann am "Quirl" bei Arnsdorf, nach dem Einbiegen in die B169, geht es wieder leichter und der Optimismus kehrt zurück. 10 Uhr in Chemnitz - na geht doch. Der "Nischl" ist Pflicht. Ob Marx nun Recht hat oder nicht, wollen wir hier mal nicht diskutieren. Aus meiner Sicht ist diese Frage noch lange nicht beantwortet. Das Denkmal von Lew Kerbel hat jedenfalls etwas, für mich ist es eine Meisterleistung. Mit wenig Detaillierung strahlt es eine enorme Kraft aus.

Marx

Die Sonne hat sich inzwischen komplett freigeschwommen, und ich genehmige mir einen Espresso mit Rumkugel in der Konditorei Wendl. Gleich um die Ecke wird gerade geheiratet. Weiter geht es jetzt auf der B173. Bis Oberlungwitz ist alles noch ganz moderat, aber dann beginnen die Anstiege, und irgendwie merkt man, dass man doch schon ein paar Körner hat liegenlassen. Vielleicht bin ich etwas zu schnell angegangen.

In Mülsen will ich Uschi und Stefan besuchen - eine alte Urlaubsbekanntschaft - wir haben uns bestimmt 10 Jahre nicht mehr gesehen. Aber das Haus ist verschlossen, und die Rollläden sind unten. Sie werden wohl im Urlaub sein, waren auch Tage vorher telefonisch nicht erreichbar. Macht nichts - ich binde ihnen einen weißen Haddak an die Lampe neben der Haustür. Wahrscheinlich werden sie bis heute noch nicht wissen, was es damit für eine Bewandnis hat. ;-)

Schumann

Und dann beginnt das Leiden. Noch in Mülsen, bevor der Berg Richtung Zwickau in Angriff genommen wird, melden sich die Muskeln zu Wort und kündigen an, dass sie nicht mehr lange mitmachen wollen. Für die Hitze und den Gegenwind war die Magnesium-Tablette am Morgen wohl etwas zu wenig. Prompt ist der Berg ohne einmal kurz abzusteigen nicht zu schaffen. Und selbst bergab nach Zwickau heißt es jede ruckartige Bewegung vermeiden. Das Tempo leidet natürlich jetzt darunter und mein schönes Zeitpolster schmilzt nach und nach dahin. Auch die zwei Espresso im Zwickauer Stadtzentrum, in Gesellschaft von Robert Schumann, helfen da nicht weiter.

Die B173 führt am Flugplatz vorbei. Hier ist mächtig was los. Es findet gerade Deutschlands größtes Simsontreffen 2015 statt (siehe auch www.simsontreff-zwickau.de) Eine Wahnsinns-Atmosphäre, das hätte man sich mal etwas detaillierter ansehen müssen - aber ich habe andere Probleme.

Simson

Der Muskel meldet sich inzwischen regelmäßig - mal der von der Wade, mal der im Oberschenkel, auch im Rücken hat man welche. So als fährt man mit ständig angezogener Handbremse, erreiche ich gegen 17:30Uhr Mühlwand im Tal der Göltzsch. Die Wasservorräte sind auch fast aufgebraucht. Bevor es jetzt den Mühlwander Berg hoch nach Buchwald geht, muss ich erst mal halten. Am Straßenrand, in der Garage, wird gerade ein Schwätzchen gehalten. Ich errege etwas Aufsehen mit meinem Gepäck und man fragt, ob ich etwa jetzt da hoch will. Wir kommen etwas ins Gepräch, und ich schildere ihnen meine missliche Lage, und dass das heutige Ziel Triebel heißt. Das kennt man hier sogar, obwohl es bis dahin noch 35km sind. Irgend jemand aus der Gegend hat in Triebel sogar einmal eine Zeit lang gewohnt.

Garage

Immerhin kannn ich 2 Flaschen Wasser erwerben. Dann versuche ich mich an der Steigung. Nach 100 m ist aber Schluss. Wer sein Rad liebt, der schiebt! Das ruft jetzt wieder andere Muskeln auf den Plan, die mich selbst beim Schieben immer mal zum Stehenbleiben zwingen. Naja, irgenwann ist der Berg geschafft, aber noch sind ca. 30 km zu bewältigen... dabei wollte ich doch heute Abend bei Winfried schön entspannt grillen und ein gutes Bier trinken.

Besen

Das wird so nichts. In Pfaffengrün siegt die Vernunft: Nach 149 km halte ich an der Bushaltestelle, lade mein Gepäck ab, nehme das Handy und bestelle den Besenwagen. Der Rest des Tages besteht aus langsamem Essen, langsamem Trinken, Auswertung der heute gesammelten Erfahrungen und Regenerieren.

Etappe 2: Triebel - Ebrach, angesetzt mit 162 km (gefahren 96km)

Da das Budget von tour-d-europe nicht für eine medizinische Abteilung reicht, müssen wir uns etwas einfallen lassen. Die 2. Etappe ist mit 162 km geplant und würde nach dem verkorksten Auftakt gestern, sicher zum Lotteriespiel werden. Das wichtigste ist, den Körper jetzt langsam wieder in einen Gleichgewichtszustand zu bringen. Winfried hat mit Diasporal ein Magnesiumprärarat in Pulverform vorrätig, das besonders schnell dort ankommen soll, wo es gebraucht wird, und macht zudem den Vorschlag Etappe 2 einfach etwas zu kürzen. Er würde mich bis Kulmbach mit dem Auto fahren - und dann hätte ich noch knapp 100 km. Das klingt plausibel.

Wanderer

Der Sonntagmorgen beginnt entspannt. In Triebel ist gerade die 35.Triebeltalwanderung (siehe www.triebeltalwanderung.de) im Gange. Heinz, sonst - bei den großen Touren - unser Chauffeur, ist auch am Start und jede Menge weitere Verwandschaft. Aber Winfried kann sich ausklinken, wir haben "Wichtigeres" vor. Nach ausgiebigem Frühstück verstauen wir alles im PKW und machen uns gegen 8:15 Uhr auf den Weg Richtung Kulmbach. So ein Etappenstart im Auto ist auch mal ganz schön.
Kulmbach wird gleich noch durchquert und um 10:10 Uhr beginnt bei Position (50.08166, 11.40435), die Staatsstraße St2190 überquert hier den Proßer Bach, Etappe 2 dann tatsächlich.

Der Wind ist wieder genauso mies wie gestern, aber es ziehen Wolken auf. Die Temperaturen bleiben gemäßigt. Ich muss mich nicht beeilen und lasse es ruhig angehen. Der Körper ist damit einverstanden. Die Muskeln spielen wieder mit. Angespannt achtet man auf jedes kleine Anzeichen - aber es bleibt ruhig, den ganzen Tag über.

Eigentlich ist die gesamte Etappe, abgesehen von den letzten 20 km, ein komplette Wiederholung von Etappe 1 der Frankreich-Tour von 2008. Damals war Geiselwind das Ziel, heute ist es Ebrach. Damals war uns insofern ein "Fehler" unterlaufen, dass wir nicht in der Altstadt von Bamberg waren. Heute soll das nachgeholt werden.

Bamberg

Und tatsächlich: Wir haben damals echt etwas verpasst. Die Altstadt, der größte unversehrt erhaltene historische Stadtkern in ganz Deutschland, ist seit 1993 Weltkulturerbe. Von der Regnitz mit mehreren Wasserarmen durchflossen spürt man fast einen Hauch von Venedig.
Nach etwas Sightseeing geht es auf die B22. Wenn ich mich recht erinnere, sind wir 2008 eigentlich alles Hauptstraße gefahren. Aber jetzt geht das nicht mehr. In der Umgebung Bambergs wird man auf den Radweg gezwungen und später entlang der B22 ist dieser gut ausgebaut, so dass man auch freiwillig auf die Hauptstraße verzichtet. Hier hat sich einiges getan in den letzten Jahren.

In Burgebrach, in Hinterhof vom Hotelgasthof Goldener Hirsch, genehmige ich mir ein Veldensteiner und so gegen 19 Uhr erreiche ich den Capingplatz. Es ist Sonntag, meine Lebensmittelreserven sind etwas einseitig, und so bleibt eigentlich nur die Alternative Gaststätte. Mit einem Paar Unterfränkischer Bratwürste mit Sauerkraut und Brot, dazu ein Hefeweizen, findet der Tag im Restaurant "Zum Alten Bahnhof" seinen würdigen Abschluss. Draußen gibt es gerade einen mächtigen Gewitterschauer und mir fällt ein, dass Handtuch, Radtrikot und -hose auf dem Zeltdach liegen. Aber das ist mir egal. Kein Krampf heute - das ist das Wichtigste. Es geht wieder aufwärts!

Etappe 3: Ebrach - Krumbach, 148km

Rollmops

Ebrach liegt im Steigerwald. Es geht am Anfang noch etwas bergauf, aber dann bis zum Main hin, das sind ca. 20km, gerade oder leicht bergab. Der Wind schläft noch und man kommt zügig voran. Gegen 7:45 Uhr bin ich am Einkaufszentrum von Dettelbach. Netto hat schon seit um 7 Uhr geöffnet, und so fülle ich erst einmal meine Vorräte auf. Dabei kann ich einem 400g "Eimer" Rollmops nicht widerstehen. Das wird heute das 2.Frühstück und kurz danach am Ufer des Mains sind sie bereits verspeist. Ein Gedicht - naja, so ganz normal ist das nicht. ;-) Da kann es mit meiner Gesundheit wohl doch noch nicht ganz in Ordnung sein.

Waffeln

Während ich meine Rollmöpse verzehre, kommt ein Radfahrer grüßt mich freundlich und entleert im 20 Meter entfernten öffentlichen Papierkorb einen großen Karton mit Eiswaffeln. Sachen gibt es!
Bis Ochsenfurt bleibe ich jetzt am Main. Eigentlich sollte Kitzingen (Zentrum des fränkichen Weinbaus am Main) etwas genauer unter die Lupe genommen werden, aber das Wetter ist trüb und ich beschließe, doch lieber noch etwas in die Pedale zu treten, bevor der Wind wieder erwacht. In Marktbreit treffe ich wieder auf die Route von 2008 und bleibe darauf bis Buchen - das sind fast 80km. Wieder ist auffällig, dass es inzwischen echte Radwegalternativen zur Straße gibt, z.B. den Gaubahn-Radweg von Ochsenfurth nach Tückelhausen. Auch sonst tut man eine Menge, um dem Freizeitradler das Radeln angenehm zu machen. Von Hardheim nach Höpfingen gibt es einen schönen Radwegabschnitt (gehört zum Grünkern-Radweg) als Alternative zur B27.

Kornblumen

Direkt neben dem Weg hat man ein Feld mit verschiedenfarbigen Kornblumen angelegt. Beeindruckend. Einen praktischen Nutzen darin kann ich nicht erkennen, so dass ich annehme, das es wohl in erster Linie vorbeikommende Radfahrer erfreuen soll - was, zumindest aus meiner Sicht, gut gelingt.

Das heutige Etappenziel Krumbach liegt im Odenwald. Es wird am Ende nochmal ganz schön bergig. Der Supermarkt in Limbach ist die letzte Gelegenheit etwas einzukaufen. Es wimmelt von Japanern - alle im jugendlichen Alter. Die treffe ich später auf dem Campingplatz wieder. "Odenwald Camping" ist überhaupt ein Campingplatz auf hohem Level, mit riesigem integrierten Fitness-Zentrum und eigenem Schwimmbad, ist also auch schlechtwetter-tauglich. Für mich ist das aber eher ohne Bedeutung. Ich platziere mich nahe an Sanitärtrakt. Hinter der Hecke ist die "Küchenzeile" und ich merke schon bald, dass es heute Nacht nicht viel mit Ruhe werden wird. Die Japaner sind voll mit der Zubereitung des Abendbrotes beschäftigt, auch sonst halten sie lange durch, und als ich denke, dass jetzt endlich Ruhe einkehrt, beginnt man gegen 03:00 Uhr mit dem Abwasch. Aber dadurch, dass man ohnehin nichts von der Unterhaltung versteht, stört es weniger und ist eher so eine Art permanenter Hintergrundlärm, an den man sich gewöhnen kann.

Etappe 4: Krumbach - Stuttgart, 144km

Bahnhof

Heute sind wir zu zweit. Der Routinier hat sich angekündigt. Treffpunkt ist die S-Bahnhaltestelle Mosbach-Neckarelz. Für mich geht es erst einmal bergab. Entlang der alten Trasse der Schmalspurbahn Mosbach - Mudau radelt es sich gemütlich.
Die Sonne ist von Anfang an dabei. Es wird heiß werden heute. Der Zug ist pünktlich. Lange nicht gesehen und doch gleich wiedererkannt. Unsere letzte gemeinsame Tour war wohl der Tatra-Pack 2009.
So lange ungefähr ist Tobias jetzt auch schon in Stuttgart ansässig, aber Mosbach ist für ihn auch neu. Es werden am Ende immerhin mehr als 140 km werden, obwohl es Luftlinie vielleicht nur 90 km sind.

Weinberg

Tja, wie ist denn nun der Neckarradweg? Das Fazit vorweg: Empfehlenswert. Die Qualität der Wege ist gut bis sehr gut, zwischen Nordheim und Lauffen gilt es mal einen ordentlichen Hügel zu überwinden, aber sonst bleibt es flach und man merkt nicht, dass man doch immerhin etwa 200 Höhenmeter (zusammen mit dem Neckar) überwindet.

ENBW

Es gibt schöne Weinberge, aber auch riesige Industrieanlagen. EnBW ist überall präsent. Doch die Umweltstandards sind inzwischen so, dass man davon keine negativen Einflüsse wahrnimmt. Eine Ausnahme ist die Müllverbrennung an Stuttgarts Stadtgrenze. Das riecht dort schon sehr eigenartig. Auf Grund der Hitze, wir haben so an die 33 Grad, fällt auf, dass es auf den ersten 2 Dritteln der Strecke relativ wenig Biergärten gibt.

Tobi

Das ändert sich natürlich, wenn man in den Einzugsbereich der Großstadt kommt. Ja, und dann ist es schon bemerkenswert für mich, dass man in Stuttgart eigentlich immer irgendwie nach oben oder nach unten fährt. Mitten in der Innenstadt hat man ordentliche Höhenunterschiede, allein bis zu Tobias' Wohnung sind es fast 100 Höhenmeter. Heute "nur Neckarradweg" gefahren und doch war es anstrengend. Bei einem Schwabenbräu, Rollmops und Oliven klingt der Tag auf der Terasse aus.

Die Rückfahrt

Etappe 5: Stuttgart - Vaihingen - Riesbürg-Utzmemmingen, 136km

Ausschlafen ist nicht. Bis Riesbürg-Utzmemmingen ist es weit, und ich will vorher erst noch meine Kollegen in Vaihingen besuchen. Die Dassault Deutschland GmbH hat dort ein neues Gebäude bezogen. Der Routinier meint, bis dort hoch sind es mindestens schon wieder 200 Höhenmeter - womit er Recht hat. Aber für einen ordentliche Kaffee am Morgen reicht die Zeit. Die Wohnungsnachbarin ist auch gerade auf dem Weg zur Arbeit und beklagt sich, dass sie schon wieder Zoff mit der Hausverwaltung hat. Man beschwert sich, wie es drumherum aussieht. Für den Routinier fällt dann noch ab: "Wäre gut, wenn Du heute Abend auch mal den Gartenschlauch in die Hand nimmst..." :-)
Tobias trägt mir die Ausrüstung mit zur Straße. Das Pferd wird gesattelt und die neue Etappe beginnt. An dieser Stelle besten Dank an den Routinier für die gestrige Gesellschaft und die Unterbringung.

Strasse

Von Stuttgart-Ost nach Vaihingen zu kommen ist ganz einfach. Man muss nur erst einmal die Olgastraße finden. Dann immer geradeaus: Filderstraße - Böheimstraße - Möhringer Straße - Böblinger Straße. Zum Glück verpasse ich den Abzweig am Waldeck ins Elsental und fahre immer weiter auf der Böblinger Straße. So kommt man mit relativ konstantem Anstieg hoch nach Vaihingen. Die eigentlich beabsichtigte Route über den Dachswaldweg wäre sehr steil geworden. Aber Vaihingen heißt noch nicht in der Meitnerstraße zu sein, denn die kennt man wohl noch gar nicht, weil sie im neu erschlossenen Baugebiet liegt. Pünktlich gegen 8 Uhr bin ich vor Ort.

Haddak

Ist noch nicht viel los in der Firma, aber unsere Leute sind vollzählig - alles Frühaufsteher. Als Gastgeschenk habe ich eine blauen Haddak und eine Flasche Chinggis Mongolian Lager dabei. 0.33l für 4 Personen ist nicht viel, aber es muss ohnehin erst einmal gekühlt werden, da es seit nunmehr 4 Tagen in der Fahrradtasche lagert. Also trinken wir lieber einen Kaffee, ich erzähle noch ein bisschen, wie es mir in den letzten Tagen ergangen ist.

Schiller

Bernhard, der Radfahrer, sucht mir noch eine Route aus, wie man denn jetzt am besten von hier nach Nördlingen kommt. Das einfachste ist wieder durch die Stadt zu fahren und dann entlang der Rems allmählich wieder an Höhe zu gewinnen.Er lässt es sich nicht nehmen, mich durch ganz Stuttgart zu lotsen, mir noch die architektonischen Highlights, sowie Stuttgart 21 zu zeigen - und verschiebt dafür sogar die angesetzte Telefonkonferenz mit Hannover. Vielen Dank, auch an Rene in Hannover ;-) So habe ich auch noch das Stuttgarter Mineralwasser kennengelernt. Im Ortsteil Bad Cannstatt gibt es 15 öffentliche Brunnen, wo man kostenlos Mineralwasser abfüllen kann. Stuttgart ist, nach Budapest, die Stadt mit den größten Mineralwasservorkommen in Europa - wer weiß das schon? Ich habe mir einen vollen Liter abgefüllt - aber wohl dann doch nur die Hälfte getrunken, war mir am Ende doch etwas zuuuu "mineralisch".

Wasser

Entlang der Rems geht es über Schorndorf, Lorch, Schwäbisch Gmünd bis Aalen. Alles vorwiegend Radweg, und manchmal wird man so auch etwas an der Nase herumgeführt und zu Umwegen gezwungen. Aber es gibt keine schweren Anstiege. Es ist heiß und für den Nachmittag sind Gewitter angesagt. In Aalen ist es dann soweit. Bei einem Hefeweizen, ich studiere gerade das umfangreiche Kartenmaterial aus dem Tourismusbüro, braut es sich in kürzester Zeit zusammen. Und dann folgt eine knappe Stunde Dauerregen. Ich hole mir noch ein Eis und stelle mich unter.

Regen

Es ist nicht mehr all zu weit bis Riesbürg-Utzmemmingen, sofern man die gerade Strecke auf der Karte wählt. Man hat zwar einen langen steilen Anstieg, spart aber viele Kilometer. Hat man den Berg geschafft, bleibt man im wesentlichen oben und kommt erst am Etappenziel wieder runter. Dort ist bisher nichts vom Regen angekommen. Der kommt in der Nacht.

Etappe 6: Riesbürg-Utzmemmingen - Schnaittenbach, angesetzt mit 175km (gefahren 100km)

Diese Etappe war von vornherein etwas mit einem Fragezeichen versehen. Es wäre vielleicht die Königsetappe geworden. Das Profil ist ziemlich schwer, aber am meisten kommen mir Zweifel, weil es über viele kleine Nebenstraßen geht. Das wird aufhalten, auch ist vom erhofften Rückenwind nichts zu spüren. Insofern bin ich fast froh, dass es am Morgen regnet - denn man könnte ja auch einfach von Nördlingen bis Nürnberg mit dem Zug fahren. :-)

Plakat

Und so wird es dann auch. In einer Regenpause packe ich zusammen und breche Richtung Nördlingen auf. Nördlingen liegt bereits wieder in Bayern. Eigentlich wollte ich mir mal das Ries anschauen, aber bei Regen macht das auch keinen Spaß. Also geht es erst mal in das Stadtzentrum. Das wird scheinbar gerade generalüberholt und ist eine große Baustelle. Ich habe ja Zeit heute. Nach einem Espresso in der Bäckerei Ihle fahre ich direkt zum Bahnhof. Nördlingen hat ca. 19000 Einwohner. Man staune: Die Deutsche Bahn leistet sich noch eine richtige Auskunftsstelle, mit richtigen Menschen hinter dem Schalter, die einem zudem auch gleich noch die Fahrkarte überreichen!

Gegen Mittag bin ich in Nürnberg. Sightseeing spare ich mir. Es geht jetzt eigentlich immer nur Richtung Osten entlang der B14. Radwege bzw. die Bundesstraße - alles perfekt in Bayern. Über Schwaig - Lauf - Hersbruck kommt man nach Sulzbach-Rosenberg. Es ist eine feine kleine Stadt mit ca. 20000 Einwohnern und historischem Stadtkern auf dem Berg. Man hat so etwas den Eindruck, als wäre die Welt hier noch in Ordnung.

Zelt

Dann noch knapp 20 km und man ist am Etappenziel Schnaittenbach. Der Ort leistet sich ein schönes Freibad, Campingplatz integriert. Man gehört zum Landkreis Amberg-Sulzbach und profitiert sicher nicht unerheblich von den Amberger Kaolin Werken (AKW), die zwischen Hirschau und Schnaittenbach rechts der B14 liegen. Ein riesiges Gelände. Mit Einfahrt in den Campingplatz zeigt der Kilometerzähler genau 100. Ohne Zugfahrt wäre es heute eng geworden.

Etappe 7: Schnaittenbach - Karlovy Vary, 145km

Karlovy Vary (Karlsbad) wurde zum Etappenziel, weil ich am Tag darauf unbedingt einmal die "Karlsroute" testen will. Kürzlich gab es im Fernsehen einen Bericht, dass der Karlsradweg jetzt fertig sei. Dieser ist ca. 60km lang und führt von Karlovy Vary über das Erzgebirge nach Aue. Aber erst einmal sind wir noch in der Oberpfalz. Ein wichtiger Ort, der unbedingt in die Planung musste, ist Windischeschenbach.

Turm

Fährt man auf der A93 von Hof Richtung München, so sieht man kurz vor Weiden auf der rechten Seite einen großen Turm. Der ist 83 m hoch und erinnert aus der Ferne etwas an einen Erdöl-Bohrturm. Er wurde Ende der 1980er Jahre im Rahmen des KTB (Kontinentales Tiefbohrprogramm der Bundesrepublik Deutschland) errichtet. Bei Wikipedia liesst man zwar im Moment noch, dass man den Turm besichtigen kann, aber so ist es nicht.
Der Turm steht Richtung Erbendorf. Wenn man über Weiden kommt, sind das schon mal 100 Höhenmeter. Aber das "Bauwerk" ist beeindruckend. Ich bin anscheinend der Einzige hier oben. Gleich neben dem Turm ist eine Metallbaufirma ansässig. Vielleicht hat sie ja die Ausrüstung damals bereitgestellt. Das Gelände ist abgesperrt. Als ich etwas näher komme, um wenigstens ein paar Bilder zu machen, bemerke ich Arbeiter, die über einen Aufzug irgendetwas transportieren. Der Sprache nach könnten es Italiener sein. Wie ich da so staunend stehe, kommt aus einer anderen Richtung ein Mann auf mich zu. Der wiederum ist Holländer. Wir kommen etwas ins Gespräch. Er war wohl fast von Anfang an dabei. Das ganze Projekt hatte eine rein wissenschaftliche Orientierung. Die große Hoffnung war, tektonische Platten nachzuweisen, was aber wohl nicht gelungen ist. 1995 hat man die Bohrung bei 9101 Metern eingestellt. Dort herrschen 260 Grad Celsius. Eine elektronische Steuerung des Bohrers war schon vorher nicht mehr möglich und man hatte dann konventionell weitergebohrt. Aber irgendwann war es materialseitig nicht mehr beherrschbar. Heute wird das Objekt noch von Hochschulen für Forschungszwecke oder von Firmen für den Test technischer Ausrüstung genutzt.

Arbeiter

Ja, und man hat gerade hier gebohrt, weil wohl durch Probebohrungen festgestellt wurde, dass die Erdkruste hier vergleichsweise "dünn" wäre. Wie auch immer man das herausbekommen hat. Oder ich habe mich verhört und es war "weil das Gestein vergleichsweise weich" ist. (?) Eine gleichwertige Stelle gab es im Schwarzwald, aber dann gab es wohl am Ende eine politische Entscheidung für die Oberpfalz. Man hat inzwischen auch schon überlegt, den Turm abzubauen. Aber er ist stabil und verursacht, abgesehen vom TÜV, keine wesentlichen Kosten. So hat man ihn eben erst einmal stehen lassen. Ich bedanke mich für die interessanten Informationen aus erster Hand und wünsche dem Turm alles Gute, dass er noch recht lange von der Autobahn aus zu sehen ist.

Burg

Weiter geht es über Wiesau, Mitterteich, Waldsassen auf kürzestem Weg zum Grenzübergang nach Tschechien. Dann runter nach Cheb. Ich dachte es würde bis Karlsbad flach bleiben, aber ab Kacerov wird es wieder "bergig". Ja und dann habe ich wieder einmal Glück. Meine Karte ist nicht besonders toll (Autokarte Deutschland 1994/95 Blatt 8, da ist Karlovy Vary mit dabei), ich verpasse einen Abzweig nach links und stehe dann irgendwann vor Loket.
Loket heißt auf deutsch "Elbogen". Auf einem Granitrücken liegt eine Stadt, inklusive Burg, die auf 3 Seiten von der Eger umflossen wird. Ein Anblick wie im Märchenfilm. Die gesamte historische Altstadt steht unter Denkmalsschutz. Bisher hatte ich noch nie etwas davon gehört. Für Filmfreunde: Im Jahre 2006 wurde hier für den James Bond-Film "Casino Royale" gedreht. Und auch Goethe gab schon seinen Kommentar zu Loket ab: "Es liegt über alle Beschreibung schön und lässt sich als ein Kunstwerk von allen Seiten betrachten." Im Biergarten vom Hotel "Kaiser Ferdinand" genehmige ich mir ein vor Ort gebrautes Bier.

Kanu

Ein Weg führt runter (22 m Höhenunterschied) an die Eger und von dort geht es dann immer am Fluss entlang bis Karlsbad. Wasserwandern ist hier sehr beliebt. Es sind viele, vorwiegend junge, Leute unterwegs. Wir treffen uns später auf dem Zeltplatz wieder.

Dann gibt es den ersten wirklichen Test für das Navi, das ich diesmal dabei habe. Ich komme ja nun aus einer ganz anderen Richtung als geplant, aber auf Anhieb wird der Campingplatz gefunden, ohne auf irgendwelche Straßennamen zu achten. Hat perfekt funktioniert! Der Zeltplatz nennt sich "Mini-Camping" und liegt im Hof + Garten eines normalen Wohnhauses. Aber der Rasen ist fein gemäht und auch sonst alles akzeptabel. Es gibt nur ein Problem: Die Dusche. Sie funktioniert auch, aber es gibt nur eine einzige. Gut dass ich im Moment der einzige Gast bin. Aber später kommen Wasserwanderer, es werden mehr und mehr - am Ende vielleicht an die 20 Leute. Tja, und dann ist der Stau nicht mehr zu vermeiden.

Etappe 8: Karlovy Vary - Hartmannsdorf, 90km

Schild

Die Ausschilderung ist nicht besonders gut, zumindest nicht am Anfang. Es gibt genau ein Schild: "Aue 60 (pro trase 2009 a 2000)" Aber dann sieht man den Namen Aue nie mehr. Also muss ich mich wohl an die Nummer 2009 halten. Zum Glück hat schon jemand die Karlsroute gefahren, und ich habe den Track aus dem Internet dabei. So kann ich prüfen, ob ich noch richtig bin. Manchmal kommen mir schon Zweifel. Das Fazit wieder zuerst: Ich würde es nicht nochmal machen! Jedenfalls nicht die Strecke Karlsbad - Johanngeorgenstadt, den Rest kenne ich nicht, da bin ich auf die Straße gewechselt. Mit dem Mountainbike ist der Karlsradweg Ok, mit Gepäck eher nicht. Aber vielleicht ist man auch einfach nur zu verwöhnt, was Radwege anbelangt.
Am Anfang bleibt alles noch ziemlich lange flach. Der Belag wechselt immer mal, Asphalt ist eher die Ausnahme - kommt aber auch manchmal vor. Ab Nova Role beginnen dann die Anstiege. Es geht meist durch den Wald. Es ist zwar Samstag, aber es sieht so aus, als wäre ich der Einzige, der unterwegs ist. Vielleicht ist es auch einfach noch zu zeitig.

Erz

Der einzige Stadt auf dem Weg zum Erzgebirgskamm ist Nejdek, dass sich Ende des 19.Jahrhunderts zu einem wichtigen Industriestandort entwickelte. Heute künden Industrieruinen eher vom Niedergang der Schwerindustrie. Hier bin ich nahe daran die Karlsroute zu verlassen, da man von hier auf einer schönen Asphaltstraße bequem nach Johanngeorgenstadt fahren könnte. Zuvor hatten mich die Wegweiser durch steile und unbefestige Gartenwege geschickt. Die Asphaltstraße immer schön in Sichtweite - das ist nicht lustig. ;-) Aber dann ringe ich mich doch durch, auf der geplanten Route zu bleiben.

Kamm

Das steilste Stück kommt gleich hinter dem Abzweig nach Tisova. Vielleicht geschätzte 16%, aber es sind nur etwa 50 Meter. Danach geht es noch einmal bergab nach Nove Hamry und es erfolgt der Schlussanstieg bis zum Kamm (der Höhenmesser zeigt 906m), der aber noch auf tschechischer Seite liegt. Bis zur Grenze sind es noch 7 km, auf denen es bereits bergab geht.

Nach der einsamen Fahrt durch das Erzgebirge, kommt es einem am Grenzübergang vor, als ist man auf dem Rummelplatz. Es ist eine richtige kleine Stadt, die nur aus Läden besteht. Ich halte mich nicht lange auf, schaue auch gar nicht mehr nach den Radwegschildern, sondern nehme die schöne Asphaltstraße Richtung Schwarzenberg. Mein eigentliches Ziel ist Hartmannsdorf in der Nähe von Kirchberg.

Bau

Hier will ich Steffi und Dieter besuchen, Bekannte aus der Studienzeit, vor nunmehr gut 30 Jahren. Es gibt noch ein paar straffe Anstiege zu überwinden, und auch der Wind kommt wieder von vorn, aber alles nicht dramatisch, da das Ziel in greifbarer Nähe ist. Der Rest des Tages ist Erholung, mit gutem Essen und Trinken, und einem entspannenden Spaziergang zu Großprojekt "Neubau der Staatsstraße 282 Ortsumfahrung Kirchberg". Und zu vorgerückter Stunde geht es ins Bett anstatt ins Zelt. Vielen Dank für die Gastfreundschaft.

Etappe 9: Hartmannsdorf - Dresden/Ockerwitz, 130km

Ockerwitz

Es ist schnell erzählt. Nach ausgiebigem Frühstück Aufbruch gegen 8Uhr. Bis Zwickau geht es nur abwärts und dann die gleiche Route wie Etappe1 in umgekehrter Richtung zurück nach Dresden. Ankunft 15:30Uhr. Da sieht man mal, was Rückenwind ausmachen kann.

Das Fazit

Ich war diesmal (fast immer) allein unterwegs. Das macht nicht so viel Spaß, wie in der Gruppe, aber langweilig war es nie. Das neue Fahrrad hat sich gut bewährt. Es ist vielleicht auf Grund der 26er Räder, der 2 Zoll Reifen und der Rohloff-Nabe nicht so schnell wie das alte, aber dafür hat man nach unten immer noch einen Gang auf Lager, wo vorher wohl schon Schluss gewesen wäre. Und um die Stabilität unter Volllast muss man sich auch nicht sorgen.
Nicht so ganz zufrieden kann man mit dem Fahrer sein. Der hat die Erfahrung gemacht, dass man sich auf heiße Tage wohl etwas ernsthafter vorbereiten muss: Man sollte immer einen Magnesium-Drink in der Flasche haben, dass ggf. permanent nachgeliefert werden kann. Und wahrscheinlich ist es nicht verkehrt vorsichtshalber auch noch Salztabletten mitzunehmen.
Verkehrstechnisch gibt es nichts Neues zu berichten. In Bayern haben so ziemlich alle Straßen Bundesstraßenniveau und ansonsten hat man seit 2008 viel getan und auch Radwege gebaut, die nicht nur für den Sonntagnachmittagsausflug gedacht sind, sondern auch schnelles Vorwärtskommen ermöglichen.
In dem Sinne: Wieder was gelernt! Schauen wir mal, wie es 2016 wird. :-)

der Oldi