Radtour Triebel - Karlsruhe, 2019

"Und die beste Bestätigung dafür, dass das Positive überwogen hat, ist wohl die Tatsache, dass für 2019 eine neue Tour im Gespräch ist - Zielort: Karlsruhe."
Damit endet der Bericht zur Hannover Tour 2017

Zwei Jahre sind vergangen. Die Tour nach Karlsruhe steht. Lkhamaa hatte "angedroht" noch zwei weitere Teenager mitzunehmen - aber das hat sich dann doch zerschlagen, so dass es diesmal eine Zwei-Mann-Expedition wird. Freilich fahren wir nicht einfach so mal nach Karlsruhe, weil wir dort jemanden kennen. Das tatsächliche Ziel, sozusagen Lockmittel und Belohnung zugleich, ist der Europa-Park in Rust. Da auch dieses Jahr die gesamte Familie wieder für mehrere Wochen zu den Eltern in die Mongolei reist, und die Sommerferien in Deutschland halt nur 6 Wochen dauern, gibt es genau nur ein Zeitfenster für die Tour: Am Tag der Zeugnisausgabe brechen wir auf.

Aufbruch

"Wir" - das sind Lkhamsuren Kishigdavaa (14 Jahre) und der Oldi von Tour-d-Europe (61 Jahre). Damit kommen wir auf ein Durchschnittsalter von 37.5, einem Alter bei dem der Radprofi durchaus noch eine Tour gewinnen kann. ;-)

Nun ist Dresden - Karlsruhe innerhalb einer Woche doch eine Nummer zu groß für uns. Deshalb erfolgt der heiße Start im Vogtland, in Triebel. Da haben wir schon mal 150 km vorgelegt. Von dort sind es dann noch mehr als 500 Kilometer, die wir innerhalb von 7 Tagen bewältigen wollen. Abgesehen vom Vogtland geht es durch Bayern und Baden-Württemberg - das ist radfahrerisch schon etwas anspruchsvoller als entlang der Elbe.

Route

Diesmal orientieren wir uns an den Radwegen. Google Maps liefert auf Knopfdruck die Route, da muss man dann nur noch etwas anpassen und die Campingplätze im Streckenverlauf unterbringen. Das alles hat am Computer ganz gut geklappt, wenngleich mir im Detail dann doch manchmal ein paar Bedenken gekommen sind, ob der Weg denn für Fahrräder wirklich geeignet ist - z.B. bei der Anfahrt auf Stadtsteinach: Im Zickzack durch den Wald und steil bergab. Wir werden es erfahren.

Start

Start ist am 6.7., einem Sonnabend. Die Wetterprognosen sind gut. Der Wind wird wohl von vorn kommen, aber nicht all zu stark sein. Die Temperaturen sind nach den Hitzewellen der letzten Wochen moderat, und Regen ist erst einmal kein Thema.

Regina und Rainer haben uns in Triebel nochmal ein ordentliches Bett zur Verfügung gestellt, bevor es die nächsten Nächte dann ins Zelt geht... und auch am guten Frühstück kann es nicht liegen, falls wir schon am ersten Tag schwächeln sollten.

Die erste Etappe wird die schwerste werden. Das habe ich Lkhamaa immer mal wieder gesagt. So ist man dann innerlich darauf eingestellt, dass es ja später nur besser werden kann. Wir starten also gegen 7 Uhr in Triebel, Querweg 25 - meinem Elternhaus. Freilich sind die Lasten wieder etwas ungleich verteilt, aber der Oldi muss ja auch etwas gefordert werden. ;-)

Winfried, mein Mitfahrer bei den großen Touren (und i.a. am Ende immer der Sieger jeglicher Rundfahrt), lässt es sich nicht nehmen, uns kurz nochmal am Kulturhaus zu verabschieden. Er ist gerade beim Arbeitseinsatz an der Triebler Kirche und schaut mal kurz vorbei. Dann "stürzen" wir uns in den Anstieg hoch nach Haselrain. Das sind sofort 150 Höhenmeter und kurzzeitig sogar mehr als 10% Steigung. Mit der Hoffnung "Später wird es ja besser" kämpft sich Lkhamaa hoch - ohne zu schieben!

Grenze

Nach wenigen Kilometern sind wir am Grünen Band der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Hier (aber eigentlich schon 5km eher) war die Welt bis 1989 für uns zu Ende. Heute bildet der ehemalige Grenzstreifen ein fast 1400 km langes Biotop mit einer Breite zwischen 50 und 200 Metern. Nicht weit von hier, am ehemaligen Dreiländereck (DDR-BRD-CSSR) beginnt es und endet an der Ostsee bei Travemünde. Ein Foto am Gedenkstein muss sein - dann sind wir im "Westen".

Durch Bayern

Es ist ja sonst nicht so meine Art nach Navi zu fahren, aber da wir ja die Hauptstraßen meiden wollen und vorwiegend den Radwegschildern folgen, habe ich doch etwas vorgebaut. Ab und zu ist schon mal ein Blick auf die Route notwendig, denn die Radwege führen i.a. nicht dorthin, wo wir eigentlich hin wollen. Das erste Etappenziel ist Stadtsteinach, das sind ab Triebel ca. 60 km in durchwachsenem Terrain. In Schwarzenbach an der Saale ist Mittagspause. Ein schöner Platz unter einer Eiche, gleich neben dem Fluss, lädt zum Absatteln ein.

Mittagspause

"Nach dem Essen soll man ruh'n ..." - Lkhamaa ist bereits eingeschlafen. Ich gehe in der Zwischenzeit etwas auf Entdeckungstour. Auf der gegenüberliegenden Flussseite fällt mir eine Gedenktafel für Jean-Paul auf: "Im Himmel des ersten Kusses: An einem Winterabende machte ich mich auf zum verbotenen Wagstücke ..." - das hat schon was. Der Name des Dichters ist zwar bekannt, aber ihn ad hoc einzuordnen, fällt mir schwer. In Wirklichkeit hieß er Johann Paul Friedrich Richter (1763 - 1825), ein Zeitgenosse von Goethe und Schiller, wobei Letzterer wohl nicht all zu viel von ihm hielt. Er hat einige Jahre in Schwarzenbach gelebt. Solche zufälligen Begegnungen sind oft der Anstoß sich später noch einmal etwas tiefer mit einem Thema zu befassen - aber das geht an dieser Stelle wohl zu weit. ;-)

Wegweiser

Ein Schild weist den Weg nach Münchberg, aber es sieht nicht so aus, als sei der Weg für Fahrräder passierbar. Doch plötzlich kommt genau von dort ein recht dynamischer junger Mountain-Biker (mit Elektrounterstützung). Auf die Frage, ob man mit dem Rad durchkommt im besten fränkischen Dialekt: "Ja ja, das geht schon. Ein paar Brennnesseln, 100 Meter, aber dann wird es besser und besser!" Na, dann fahr ich mal vornweg. Es wird erst einmal schlechter. Der Pfad wird zwar später wieder breiter, und auch die Brennnesseln hören auf, aber richtig fahren kann man eigentlich nicht. Ich hole erst einmal Lkamaa's Rad nach. Später kann sie es zumindest selbst wieder schieben.

Waldweg

Der leicht sumpfige Pfad wechselt in Waldboden, und schließlich landen wir auf einer Wiese und sind wieder neben den Gleisen. Aber hier kann man wieder fahren. Die Bahnstrecke geht nach Münchberg, doch der Weg verliert sich. Wir müssen über die Wiese bergauf - mit nicht beladenem E-Bike sicher kein Problem, aber für uns schon. Am Ende haben wir uns den Eisbecher im Eiscafe Venezia in Münchberg redlich verdient.

Eisbecher

Verlässt man Münchberg Richtung Westen unterquert man die A9. In der berüchtigten Münchberger Senke ereignete sich am 9.Oktober 1990 gegen 8:30 Uhr einer der schwersten Autobahnunfälle in der Geschichte Deutschlands: 121 beteiligte Fahrzeuge, 10 Tote, 122 Verletzte (davon 32 schwer). Bei strahlendem Sonnenschein kam es in einer Nebelbank zu verheerenden Auffahrunfällen. Im Zuge des Ausbaus der A9 wurde später die Müncberger Talbrücke errichtet, die die Fahrbahn um ca. 18 Meter anhebt.

A9

Wir fahren unten durch. Das Ganze ist jetzt fast 30 Jahre her, aber wenn ich Münchberg höre, ist es das Erste was mir einfällt. Es ist eben nicht all zu weit von Triebel entfernt.

Im Wesentlichen folgen wir jetzt der B289. In Marktleugast hätten wir unser E-Bike aufladen können. Man ist hier ganz progressiv. An der Einmündung der St2158 ist alles auf Elektro ausgerichtet. Es gibt Steckdosen für alle Fahrzeugtypen und freies WLAN noch dazu. Aber da uns das alles nichts nützt, fahren wir geradeaus mit direktem Kurs Stadtsteinach weiter.

Ladestation

Hinter Eeg müsste es eigentlich weiterhin geradeaus gehen, aber irgendwie haben wir für heute das Vertrauen zu Google verloren. Am Ende ginge es runter nach Stadtsteinach steil bergab, und wenn das wieder ein Wanderpfad ist, dann haben wir mit unserem Gepäck ein Problem. Also bleiben wir mal lieber auf der Asphaltstraße und nehmen den Umweg über Untersteinach. Das werden dann zwar etwa 8 Kilometer mehr, aber wir gehen kein Risiko ein. Es war wohl eine gute Entscheidung.

Der zweite Tag ist vergleichsweise unspektakulär. Bei Kulmbach erreichen wir den Weißen Main und für den Rest des Tages vergnügen wir uns auf dem Main-Radweg bis Bamberg. Allerdings fahren wir erst einmal in die falsche Richtung. Vor uns taucht die Plassenburg wieder auf. Da kann doch etwas nicht stimmen. Also umdrehen und flussabwärts! Man sollte sich ruhig die Zeit gönnen am Zusammenfluss von Weißem und Rotem Main vorbeizuschauen. Das sind hin und zurück etwa 5 km zusätzlich. Lkhamaa kann ich nicht dafür begeistern, aber sie genehmigt mir zumindest eine kurze Sonderfahrt.

Main

Man hat sich Mühe gegeben alles etwas schön für die Touristen zu inszenieren. Wenn man als Fremdling vom Main hört, denkt man ja immer an einen großen Fluss - aber dort wo Roter und Weißer Main sich vereinigen sind es eher zwei etwas größere Bäche.

Fährt man den Main-Radweg immer nach Ausschilderung, so wird man üblicherweise (wie das bei Radwegen eben so ist) ständig 90 Grad nach rechts und links geschickt. Das hat am Ende zur Folge, dass wir an dem Tag die 100 Kilometer knacken - was überhaupt nicht vorgesehen war. Dabei haben wir einige Highlights am Rande des Weges noch weggelassen, wie z.B. die Basilika der 14 Heiligen bei Bad Staffelstein. Wir begnügen uns mit dem Anblick aus der Ferne. Gegenüber - nicht weniger eindrucksvoll - thront Kloster Banz 150 Meter über dem Main.

Bahnhof Bad Staffelstein

Ein Foto an dieser Stelle verdient das Bahnhofsgebäude von Bad Staffelstein. Irgendwie kommt mir sofort die Dresdner Semperoper in den Sinn - es muss wohl an der Silhouette liegen. Es wurde 1845 errichtet, der Baumeister war Friedrich Bürklein. Heute steht es unter Denkmalsschutz. In Bad Staffelstein wurde übrigens auch Adam Ries geboren. Aber sein Denkmal haben wir leider irgendwie übersehen.

In Bamberg übernachten wir beim Bamberger Faltboot-Club e.V. Das ist zwar kein richtiger Camping-Platz, aber so lange Raum ist sind Zelte willkommen, und man bekommt Zugang zu den sanitären Einrichtungen. Noch ein Tipp: Man sollte unbedingt mal auf die Herrentoilette gehen. Man bleibt u.U. länger als beabsichtigt. Wie es bei den Damen ist, kann ich nicht sagen - vielleicht wird ja ähnliche Unterhaltung angeboten. ;-) Der Bamberger Faltboot-Club e.V. kann an dieser Stelle nur weiterempfohlen werden.

Toilette

Bamberg, im Mittelalter berüchtigt durch Hexenverbrennungen, ist seit 1993 Welterbestadt. Der unversehrt erhaltene historische Stadtkerns bietet eine Menge Sehenswürdigkeiten. Die waren eigentlich für den kommenden Tag als Etappenauftakt vorgesehen. Aber die Jugend legt nicht viel Wert darauf, so dass wir die Kultur einfach sausen lassen. Auch ich kann es verkraften, da ich inzwischen zum dritten Mal mit dem Rad in Bamberg bin. So fahren wir stattdessen geradewegs am Main-Donau-Kanal entlang Richtung Süden. Letztendlich sparen wir damit mindestens eine Stunde ein, was sich zum Ende des Tages noch als überaus positiv erweisen wird. Auf der einen Seite die Regnitz, auf der anderen Seite der Main-Donau-Kanal, so fahren wir bis Seußling und biegen dann rechts in das Tal der Aisch ein.

Für den heutigen Tag sind etwa 400 Höhenmeter veranschlagt, aber zunächst bleibt es relativ flach: Höchstadt a.d. Aisch, Neustadt a.d. Aisch, Bad Windsheim - alles noch moderat. Doch dann müssen wir auf die Frankenhöhe, denn es gibt heute eine "Bergankunft". Naja, vielleicht ist das etwas übertrieben, aber es sind immerhin 200 Höhenmeter bis man in Obernzenn das Etappenziel erreicht.

Torhaus

Hinter Ickelheim, sehenswert sind die beiden Torhäuser durch die wir in das "Dorfzentrum" gelangen bzw. es wieder verlassen, beginnt der Anstieg. Ich hätte ja noch etwas physische Unterstützung gegeben, aber Lkhamaa hat auch ihren Stolz und lehnt jegliche Hilfe ab. Die Schatten sind schon lang, und so gegen 19:30 Uhr kommen wir heute aus dem Sattel - eigentlich wie fast an jedem Tag. Morgen stehen nur 46 km im Plan mit dem Highlight Rothenburg ob der Tauber ...

... und das wird es dann tatsächlich auch. Selbst Lkhamaa ist von der historischen Altstadt begeistert. Auf dem Marktplatz geben gerade die "North Carolina Ambassadors of Music" ein Platzkonzert.

Rothenburg o.d. Tauber

Die Recherche im Internet (im Nachhinein) ergibt, dass es seit 48 Jahren eine Tradition in Rothenburg ob der Tauber ist, dass junge US-Musiker vor dem Rathaus im Sommer Konzerte geben. 2019 sind 16 Gruppen dabei. Wir treffen also gerade auf die Gruppe aus North Carolina. Ansonsten beeindruckt die mittelalterliche Stadt durch ihre Bauwerke. Da muss natürlich an allen Ecken und Enden wieder ein Photoshooting gemacht werden. Und da Rothenburg in etwa die Halbzeit unserer Tour darstellt, und Lkhamaa bisher super mitgezogen hat, ist es auch Zeit für eine kleine Belohnung. Immerhin - der Opa wird gefragt, welche der Sonnenbrillen denn die coolste ist. Und wie man sieht, ist meine Wahl gut angekommen.

Sonnenbrille

Wir probieren auch die Rothenburger Schneeballen, eine Spezialität aus Mürbeteiggebäck. Das ist nicht so einfach zu essen. Man sollte einen Löffel dabei haben, sonst geht zu viel vom Schneeball als Krümel verloren.

Eigentlich brauchten wir noch ein paar Lebensmittel, aber dann sind wir plötzlich den "Kurzen Steig" hinunter an die Tauber gefahren. Das sind 16% bergab - und dann ist es zu spät - da wollen wir nicht mehr zurück. Bis Naicha kommt nicht mehr viel. Ist vielleicht auch egal, denn heute sind wir auf einem Öko-Hof, da wird es wohl etwas zu Essen geben. So nebenbei überqueren wir die Grenze zu Baden-Württemberg.

In Baden-Württemberg

Auf dem Ökoferienhof Retzbach ist niemand anzutreffen. Das ist einleuchtend, schließlich ist es erst einmal ein Landwirtschaftsbetrieb und der Tourismus ist sicher zweitrangig. Aber irgenwann kommt die Hausherrin - nur mit Verpflegung sieht es nicht so gut aus. Immerhin, wir können ein paar Eier erwerben, die wir aber wohl leider nicht lange genug kochen. Am Ende muss ich sie alle selbst essen. ;-)

Eier

Wir zelten zwischen den Obstbäumen. Man sieht, dass ganz schön in den Fremdenverkehr investiert wurde. Es gibt ein riesiges Ferienhaus. Hier kann man locker 4 Familien unterbringen. Freilich sind wir im Moment die Einzigen. Es ist schwer zu beurteilen, wie das Tourismusgeschäft läuft - man ist halt auch etwas ab vom Schuss in dieser Region.

An der Wand hängt ein Artikel des Haller Tagblatts vom 7.Oktober 1998: "Ökologisches Gesamtkonzept auf dem Bauernhof". Heute ist ja ÖKO allgegenwärtig, aber 1998 war das sicher noch nicht so. Damals war die Familie Retzbach Bahnbrecher in Sachen ökologischer Landwirtschaft.

Wie auch immer - wir müssen weiter. Oedheim am Kocher ist unsere nächste Station. Aber bis wir den Kocher-Radweg erreichen, müssen wir noch durch das Tal der Jagst. Das sind wieder ein paar Höhenmeter. Wir sind ja inzwischen eingefahren, und da stecken wir so etwas weg. Am Kocher kommen dann die ersten Weinberge in Sicht - wir sind nun wirklich in BW angekommen.

Weinberge

Der Kocher fließt in den Neckar. Er ist einer der größten Zuflüsse. An der "Kocherspitze", dem Zusammenfluss, hat die Stadt Bad Friedrichshall eine Informationstafel aufgestellt. Zwei Kilometer neckarabwärts mündet dann die Jagst. Wir biegen nach Süden ab und fahren neckaraufwärts. Die Sonne macht heute etwas schlapp, ab und zu nieselt es - ist auch mal ganz schön. Neckarsulm, Heilbronn, Sontheim - große Industrieanlagen dominieren entlang des Ostufers. Das scheint die Nilgansfamilie nicht weiter zu beeindrucken.

Nilgansfamilie

Für Sachsen ist das noch ein exotischer Vogel. Bis zur Elbe scheint sie noch nicht vorgedrungen zu sein. Aber am Rhein (und scheinbar auch am Neckar) hat sie sich wohl festgesetzt. Nach Wikipedia wurde die Nilgans 2017 von der EU auf die rechtsverbindliche Liste "invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung" gesetzt. Es gilt ein Verbot von Einfuhr, Haltung, Zucht, Transport, Erwerb, Verwendung, Tausch und Freisetzung. Konzepte zur Bekämpfung sind in Arbeit, da ein aggressives Verhalten und die Verdrängung heimischer Arten beobachtet wird. Das traut man der schwimmenden Familie gar nicht zu - obwohl - mit dem dunklen Augenfleck sehen sie schon etwas gefährlich aus. Soviel als kleiner Ausflug in die Vogelwelt.

Bei Nordheim verlassen wir den Neckar und biegen nach Westen ab. Die Gegend um Brackenheim ist Weinbaugebiet. Bei leichtem Regen geht es zwischen den Reben entlang. Hier fließt die Zaber, aber einen Radweg im Zabertal scheint es nicht zu geben. Mal auf der Straße, mal auf schlechtem Fuß/Radweg kommen wir über Frauenzimmern (nur des Namens wegen hier erwähnt) nach Pfaffenhofen. Es ist Zeit, sich mal etwas zu trocknen. Die Bäckerei Wahl bietet eine gute Gelegenheit. Eigentlich ist es eher ein kleiner Supermarkt. Es gibt so ziemlich alles - bis hin zu Schulsachen. Zur Unterhaltung läuft auf dem Bildschirm das tägliche Backwarenangebot: Wann wird was gebacken - von Montag bis Samstag.

Brot

Heute ist Donnerstag. Da gibt es Roggenmischbrot, Dreikornbrot und Fyfty-Fyfty-Brot - was Letzteres auch immer ist. Aber wir wollen uns hier nicht darüber lustig machen - im Gegenteil - ein 1A-Service und man hat uns sogar einen Tipp gegeben, wie man zum Radweg kommt. Also, wer nach Pfaffenhofen kommt, sollte bei der Bäckerei Wahl ruhig mal vorbeischauen.

Vom Tal der Zaber müssen wir ins Tal der Kraich. Das lässt sich bewerkstelligen, indem man gemäß Google-Route Leonbronn durchquert und dann immer weiter geradeaus nach Kürnbach kommt. Es ist schon verdächtig, dass wieder keine Hinweisschilder stehen. Es geht bergauf. Der Weg ist immerhin asphaltiert. Oben kommt eine Art Wanderwegkreuzung, dann wird es Feldweg und später Wiese am Waldrand. Der Wald erstreckt sich entlang einer Schlucht.

Wald

Gemäss Navi müssen wir da hinunter. Mit etwas Phantasie und ausreichend Zoom lässt sich der Weg orten - auch wenn der Eingang mit Pflanzen zugewuchert ist. Da der Regen zunimmt und die einzige Alternative darin besteht, den gleichen Weg zurückzufahren, riskieren wir es. In der Hoffnung, dass es keine Sackgasse sein möge, geht es bei Dauerregen nach unten. Wir landen schließlich nach ca. 2 km Waldweg auf einem Aussichtspunkt zwischen den Weinbergen. Unter uns liegt Kürnbach. Das ist nochmal gut gegangen.

Wir sind jetzt im Kraichgau. Die Dörfer entlang des Kraichbachs haben sich zur Kommune Kraichtal zusammengeschlossen. Der Regen lässt allmählich nach. Als wir Bruchsal erreichen blinzelt auch die Sonne durch die Wolken, fast so als wollte sie extra für uns das Schloss gut in Szene setzen.

Schloss Bruchsaal

Schloss Bruchsaal (Barock, Baubeginn 1720) ist ein echter Hingucker. Die aus einer Vielzahl von Gebäuden bestehende Anlage ist insbesondere durch ihre farbliche Gestaltung etwas Besonderes. Gelb, Rosa, Blaugrau und Weiß sind die dominierenden Farben. Da muss natürlich sofort wieder ein Fotoshooting gemacht werden. :-)

Der Tag endet bei den Naturfreunden in Bruchsal. Anmelden muss man sich in der Gaststätte. Wir sollen erstmal unsere Zelte aufbauen und dann das Geschäftliche erledigen. Da wir die Tour so gut wie geschafft haben (bis Karlsruhe sind es morgen noch etwa 25 Kilometer), wäre es Zeit, mit einem schönen Abendessen schon mal etwas zu vorzufeiern. Aber als wir ins Restaurant kommen, ist der Koch leider schon nach Hause gegangen. So kann es gehen. Da müssen wir wohl unsere Fischbüchsen öffnen. Und dann gibt es doch noch etwas Besonderes zum Abendbrot: Eine junge Familie aus Pirna ist noch bei den Naturfreunden eingetroffen. Sie wollen morgen weiter nach Lörrach und haben den Grill angeworfen. Auch Wiener Würstchen lassen sich grillen. Eine gute Gelegenheit gleich mal etwas mongolische Kultur zu vermitteln - wir bedanken uns mit einem weißen Haddak. Wir haben mehr davon im Gepäck.

Zelte

Die "Letzte Etappe" einer längeren Tour ist ja meist etwas in der Länge reduziert - das ist zumindest bei meinen Planungen so. Es soll ja möglichst ein entspanntes Ausrollen werden. Aber oft kommt es dann ganz anders. Und auch Bruchsal - Karlsruhe wird wieder etwas Besonderes - des Wetters wegen. War gestern der Regen zwar allgegenwärtig, aber nicht intensiv, so kommt der erste Gewitterschauer noch vor dem Zeltabbau. Aber wir haben ja Zeit heute und warten einfach mal ab. Für nach 16 Uhr haben wir uns bei Ani und Eduardo (Freunde des Navigators, deren Heimat Brasilien ist) angekündigt.

Das Sightseeing-Programm für Karlsruhe haben wir schon auf Wunsch einer einzelnen Radlerin etwas reduziert. Statt einem Abstecher nach Durlach - der eigentlichen Keimzelle Karlsruhes - wurde "Shopping" ins Programm aufgenommen. Aber Bundesverfassungsgericht und Schloss müssen sein ... und dann ist da noch der Gedenkstein für Antonella Bazzanella.

Durch Zufall stößt man oft auf Geschichten, die es in sich haben - aber die eigentlich niemand kennt. Bei der Planung der Tour hatte ich in der OSM-Karte einen Eintrag "Gedenkstein Antonella Bazzanella" gesehen. Und da man heutzutage ruck-zuck alles im Internet recherchieren kann, bin ich beim gleichnamigen Mordfall gelandet. Am 21.Juni 1987 wird im Stadtpark von Karlsruhe eine italienische Eisverkäuferin ermordet. Der Mörder kann nicht ermittelt werden. 27 Jahre später stellt sich in der Schweiz ein Mann der Polizei und bekennt sich zu der Tat - das ist phenomenal! Da könnte man doch glatt den Glauben an die Menschheit zurückgewinnen. Der Gedenkstein wurde von der Italienischen Katholischen Mission Karlsruhe gestiftet und steht am Tatort.

Es hat gerade wieder geregnet. Mit dem Navi in der Hand geht es auf die Suche. Naja, wir haben natürlich keinen persönlichen Bezug zu dem Ganzen, und insofern ist unsere Neugier moralisch schon etwas in der Grauzone angesiedelt. Trotzdem hinterlässt der Stein eine Erinnerung an Karlsruhe - tiefer als so manches monumentale Bauwerk.

Gewitter

Dann bricht das Gewitter los. Wir retten uns zunächst gegenüber vom Bundesverfassungsgericht unter einen Baum, der aber nicht lange Schutz bietet. Schließlich schaffen wir es zu den Arkaden gegenüber vom Schloss. Es ist beeindruckend, wie nach und nach der gesamte Platz zur riesigen Wasserfläche wird. Aber jedes Gewitter geht einmal vorbei. Wir setzen mit dem Tagesordnungspunkt Shoppen fort ... und auch der ist schließlich abgearbeitet.

Mit leichter Verspätung schlagen wir bei Ani und Eduardo auf. Damit ist die Radtour eigentlich zu Ende. Aber es muss natürlich auch noch etwas über den Besuch im Europa-Park berichtet werden. Ani und Eduardo begleiten uns - naja, eigentlich umgedreht - sie nehmen uns mit und sind unsere Reiseführer. Ani arbeitet im Moment am Projekt "Rulantica" mit, einer Erweiterung des Europaparks und ist somit dort schon fast zu Hause. Wir starten gleich mal mit dem "Voletarium". Trotz der vielen Achterbahnen, die wir an dem Tag alle noch fahren, war das für mich die beeindruckendste Attraktion. Man nennt es 4D Kino - das ist natürlich etwas irreführend. Man fliegt im Sessel über Europa und taucht durch die Wolken (hier wird man mit Wasser besprüht) in die verschiedenen nationalen Sehenswürdigkeiten ab. Das Schauspiel ist so beeindruckend, dass es einem vor Rührung Tränen in die Augen treiben kann.

Europa-Park

Man kann natürlich nicht alles mitnehmen - dafür ist ein Tag zu kurz (zumal man immer mit ca. 30 Minuten Anstellen rechnen muss). Ani und Eduardo zeigen uns das Wichtigste. Ich glaube Lkhamaas Erwartungen wurden erfüllt, und auch mir - als Laie in Sachen Vergnügungspark - hat es super gefallen.

Der Tag klingt dann gleich um die Ecke beim Chinesen aus. Ein echter Geheimtipp. Hier gibt es "richtige" chinesische Kost, z.B. "Schweineohren mit Lauch und Zwiebeln in Chilisoße". Naja, wir sind dann doch bei den Gerichten geblieben, die für den normalen Deutschen als chinesische Küche bekannt sind. Sollte ich jemals wieder nach Karlsruhe kommen, dann ist Restaurant Yangda Pflicht. An der Stelle nochmal vielen Dank an Ani und Eduardo für die Gastfreundschaft. Wir hoffen wir können uns irgendwann dafür revanchieren.

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Zur Rückfahrt nach Dresden könnte man eine ganze Menge sagen. Nur soviel: Es beginnt am Bahnsteig mit dem durchlaufenden Text: "Dieser Zug ist ohne Wagen 6 (Fahrradwagen). Bitte informieren Sie sich im Reisezentrum". Am Ende treffen wir mit ca. 90 Minuten Verspätung, gegen 21:30 Uhr in Dresden Hbf ein und werden mit Freude in Empfang genommen.

Das Fazit

Bayern und Baden-Württemberg sind abwechslungsreiches Terrain. Dass es nicht zu bergig wird, haben wir schon versucht etwas den Flussläufen zu folgen: Saale - Main - Regnitz - Aisch - Tauber - Jagst - Kocher - Neckar - Zaber - Kraich. Man hat echt in Sachen Geografie noch etwas dazugelernt. Die Radwege waren insgesamt OK.

Bienenweide

Was aufgefallen ist waren sogenannte "Bienenweiden" - dass man bei vielen Getreide- oder auch Maisfeldern einen Streifen mit Blumen angelegt hat. Das ist in Sachsen noch nicht so verbreitet. Da hat man etwas Nachholbedarf.

Von der "sportlichen" Seite her gab es diesmal keinerlei Abstriche. Die etwa 540 Kilometer wurden ohne Zuhilfenahme "unerlaubter" Transportmittel bewältigt. Dafür saßen wir fast jeden Tag bis nach 19 Uhr im Sattel - obwohl der Tag immer schon um 6 Uhr begann. Lkhamaa hat sich kein einziges Mal darüber beschwert. Aber einen Haken hat die ganze Radfahrerei dann doch: Die Schönheit leidet! Das beginnt bei den Insektenstichen, geht über blaue Flecke, die man sich am Fahrrad einfängt und endet mit dem ungewolltem Braunwerden - womöglich noch mit Rändern an Armen und Beinen.

Beinlinge

Seit dem zweiten Tag waren deshalb meine schwarzen Beinlinge bei Lkhamaa im Dauereinsatz - egal wie warm es war. :-) Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Bei der Alpenumrundung 2018 haben wir am Rheinfall in Schaffhausen zwei Radlerinnen aus dem Nepal getroffen. Ich habe mich gewundert, warum sie bei der Wärme lange schwarze Pantalongs anhatten - es war wohl auch wegen der Schönheit. :-)

Ob es 2021 eine weitere Tour geben wird, ist abzuwarten. Teenager (Lkhamaa wäre dann 16) sind nicht berechenbar. Ob man dann noch mit dem Opa durch die Gegend fahren will ist fraglich. Aber vielleicht kommen ja auch weitere Radler*innen mit. Schauen wir mal - Ziele gibt es genug.

der Oldi